Die Renaissance des schönen Buches

Anlässlich der Bekanntgabe der „Schönsten deutschen Bücher“ 2016, veröffentliche ich hier erstmals das Resümee einer größeren wissenschaftlichen Arbeit mit dem Titel:

Sind schönste Bücher wirklich gut? – Eine kritische Untersuchung prämierter Bücher im Spiegel des Wettbewerbs „Die schönsten deutschen Bücher“ der Stiftung Buchkunst

Auch losgelöst von der restlichen Arbeit soll dieser Ausschnitt einen kleinen Einblick geben in Wirkungsweise und Bedeutung der Stiftung Buchkunst sowie ihres Wettbewerbs.
Zu den prämierten Titeln dann bitte hier entlang: http://www.stiftung-buchkunst.de/de/die-schoensten-deutschen-buecher/2016/alle-praemierten.html

 

Die Renaissance des schönen Buches

Die untersuchten Beispiele sollten zeigen, wie gut schönste Bücher wirklich sind und darüber hinaus, welches Konzept und welche verlegerische „Vision“ hinter den jeweiligen Titeln stecken. Das Machen hochwertiger, konzeptionell durchdachter Bücher ist eng verwoben mit einem hohen Anspruch des Verlages an sich selbst; hier kommt eine Firmenphilosophie zum Ausdruck, die dafür sorgt, dass jeder einzelne Titel mit größtmöglicher Sorgfalt konzipiert sowie produziert wird.

Die von der Jury der Stiftung Buchkunst ausgefüllten Bewertungsbögen, die eine unerlässliche Quelle für die Arbeit an den prämierten Büchern darstellten, gaben nicht immer ganz genauen Aufschluss darüber, wie sorgfältig die eingereichten Bücher letztlich untersucht wurden. Man weiß zwar um den Anspruch, den die Stiftung Buchkunst an den Wettbewerb hat – doch ob jedem einzelnen Titel die ihm angemessene Aufmerksamkeit wirklich zuteilwird, lässt sich nicht genau sagen.

Ist nicht schon allein die Wirksamkeit des Wettbewerbs in Bezug auf die Öffentlichkeit Rechtfertigung genug, dass es diesen Wettbewerb überhaupt gibt? Darf denn generell ein Anspruch bestehen, dass alle prämierten Titel bis ins Letzte ausgefeilt, ja, perfekt sein müssen? Fehler wird man immer finden, über Details immer streiten und letztlich über viele Juryentscheidungen – auch weiterhin – debattieren können. Und das ist gut so! Schließlich ist doch auch das ein positiver Nebeneffekt: das kritische Gespräch, welches dafür sorgt, dass Buchgestaltung und daraus resultierende Qualität öffentlich diskutiert werden. Dass man sich – ganz bewusst – Gedanken macht über das „schöne Buch“ und die Wertschätzung desselben am Leben hält.

Man darf nicht vergessen, dass es natürlich immer auch dem subjektiven Geschmack des jeweiligen Betrachters überlassen bleibt, welche Bücher er als schön ansieht. Dennoch muss es auch eine Objektivität geben, die es uns ermöglicht, „schönste Bücher“ eben nicht nur nach Gefallen und Nichtgefallen zu kategorisieren, sondern anhand bestimmter Kriterien festzulegen, welche Titel aufgrund welcher Eigenschaften besser und schöner sind als andere. Hierzu lieferten die Fragebögen der Stiftung Buchkunst einen guten Leitfaden zur Orientierung.

Letztlich ist es überaus wichtig, dass es eine Institution wie die Stiftung Buchkunst gibt, die sich voller Überzeugung, Tatendrang und Herzblut in die Aufgabe stürzt, Jahr für Jahr aus einer Unmenge von Bewerbungen, die Bücher herauszupicken, die es verdient haben, als schönste Bücher Deutschlands bezeichnet zu werden und darüber nicht all jene zu vergessen, die nicht prämiert worden (also Titel der Short- und Longlist), aber dennoch erwähnenswert sind, weil sie aufgrund ihrer Qualität aus der Masse der jährlichen Veröffentlichungen hervorstechen. Mit ihrer Arbeit schafft die Stiftung ein Bewusstsein für das ästhetisch anspruchsvolle und gut gemachte Buch. Dies kann den gemeinen Leser eventuell auch davon überzeugen, dass höhere Buchpreise oftmals ihre Berechtigung haben und dass man als Käufer bereit sein sollte für hohe Qualität entsprechende Preise zu bezahlen. Nur so kann es auf Dauer möglich sein, eine Verlagslandschaft aufrecht zu erhalten, welche sich darum bemüht, immer wieder aufs Neue hochwertige Bücher zu produzieren. Dies stellt letztlich einen Mehrwert für alle dar: Verlage, Buchhandlungen, Endkunden.

Die Urteile der Jury haben uns darüber Aufschluss gegeben, dass eben nicht jedes Urteil, das einer Prämierung vorausgeht, eindeutig ist. Die Frage, wer letztlich – und aufgrund welcher Kriterien – die Oberhand bei der Entscheidung behält, ging aus den Bewertungsbögen nicht hervor und kann somit im Rahmen vorliegender Untersuchung nicht beantwortet werden.

Ich denke aber, dass es darüber hinaus viel wichtiger ist, die Urteile der Jury der Stiftung Buchkunst dahingehend zu werten, dass sie uns vielmehr und vor allen Dingen als Anregung dienen, uns kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen und nicht nur als gegeben hinzunehmen. Die schönsten deutschen Bücher sind letztlich „nur“ eine kleine Auswahl, eine Empfehlung. Sie können gar nicht mehr sein als das, bei der Flut an Publikationen, die zumindest gestalterisch einem prämierten Titel ebenbürtig sind. Die Urteile der Jury sollten auch Anregung und Inspiration dazu sein, sich selbst auf die Suche zu begeben nach schönen und schönsten Büchern. Denn schöne Bücher sind auch immer dann schön, wenn ihr jeweiliger Betrachter sie als schön empfindet, was uns zeigt, dass auch der Begriff „Schönheit“ relativ ist und jeder sein eigenes ästhetisches Empfinden hat.

Die Stiftung Buchkunst ist zudem ein wichtiger Bestandteil was die Kontinuität guter Buchgestaltung betrifft und fungiert in dieser Hinsicht auch als eine Art „Kontrollorgan“ oder „Qualitätssicherung“ des Buchmarkts. Besagte Kontinuität erlebte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Einbruch:

„Was die Kontinuität guter Buchgestaltung in den sechziger Jahren gefährdete, war nicht die Frage nach typographischen Stilen, sondern das Abbröckeln des Qualitätsbewusstseins in den Verlagen, ermöglicht durch die fortschreitende Industrialisierung der Buchherstellung, gefördert durch Kommerzialisierung, d.h. durch das Verständnis des Buches als Ware, deren Zweck erfüllt ist, wenn sie verkauft ist – statt ihren eigentlichen Zweck in der Hand des Lesers zu erfüllen. Unter solchem Denken verfiel das Bewusstsein, dass auch das Buch-Äußere, seine Form, seine Funktionsfähigkeit, seine Haltbarkeit, auch seine Schönheit, zum Buch gehört. Die Werbewirksamkeit des Buch-Umschlages und der Preis wurden wichtiger als Lesbarkeit und Haltbarkeit. Die Zahl der Verlage und Typographen, die sich noch um gut gemachte Bücher kümmerten, wurde kleiner.“[1]

Bei der Lektüre stellt sich zwangsläufig die Frage, wie weit entfernt beziehungsweise wie nah wir heute wieder (oder gar noch) dran sind, an dieser Form des Büchermachens. Leidet nicht der heutige Markt auch an einer Fülle von billig gemachten Produkten (also Büchern)? Bücher müssen verkauft werden. Der Umsatz, die Bilanz müssen stimmen. Es geht um den Profit. Ist da noch Raum für ein Wertbewusstsein? Ist da noch Raum für Ästhetik? Ist da noch ein Bewusstsein für das schöne Buch? Bleibt (einem Verlag) überhaupt die Zeit, um sich gewissen Qualitätsstandards zu widmen? Und die vielleicht wichtigste Frage: Gibt es denn noch genügend Endkunden, die das schöne Buch zu schätzen wissen? Besteht überhaupt die Nachfrage, die den Aufwand rechtfertigt?

Der Verleger Sebastian Guggolz hat Antworten auf diese Fragen und glaubt eher an einen Gegentrend zu dem von Willberg geschilderten Szenario. Er glaubt, dass das Interesse und die Lust am schönen Buch wieder da sind. Guggolz hat sich nach jahrelanger Tätigkeit als Lektor im Verlag Matthes & Seitz Berlin im Sommer 2014 mit dem Guggolz Verlag selbständig gemacht, um sich dem „schönen Buch“ zu verschreiben.[2] In seinem unter dem Eindruck der Frankfurter Buchmesse 2015 verfassten Beitrag für das Popkultur-Magazin SPEX schreibt er:

„Einerseits ist eine Banalisierung der Branche zu beklagen. Dutzendware, schlecht geschriebene, schlampig produzierte und billig verkaufte Bücher nehmen einen großen Teil des Gesamtumsatzes ein. Doch am anderen Ende des Spektrums ist ein Aufschwung zu spüren: eine Renaissance des ‚schönen‘ Buches. Ein Blick in die gut sortierte Buchhandlung bestätigt diesen vermuteten Trend. Da werden […] zunehmend leinen-, halbleinen- oder in hochwertiges Papier gebundene Romane, fadengeheftete Sachbücher mit Lesebändchen aus den kleineren Verlagen angeboten. Und auch die größeren und sogar die Konzernverlage versuchen, ihre Bücher möglichst ‚schön‘ zu machen.“[3].

Und statt Cover-Fotomotiven von der Stange „dominieren heute bewusst eingesetzte Typografie und extra angefertigte Titelillustrationen – der Begriff ‚Buchkunst‘ ist nicht mehr nur hohle Behauptung.“[4]

Die Bücher des Guggolz Verlages nehmen sich davon folglich nicht aus. Sie folgen allesamt einem Konzept[5]: Sie sind anhand ihrer äußerlichen Gestaltung stets miteinander in Verbindung zu bringen, haben alle dasselbe Format, sind mit Lesebändchen ausgestattete, fadengeheftete Hardcover-Ausgaben, die bewusst auf einen Schutzumschlag verzichten. Auch die Typografie ist bewusst gewählt und grundsätzlich auf den Inhalt der Bücher abgestimmt. Äußere und innere Gestaltungselemente harmonieren miteinander und nehmen aufeinander Bezug. Hier werden Bücher nicht einfach nur produziert, sondern mit viel Liebe zum Detail „gemacht“. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles ist Konzept und dient dazu, dem Leser ein angenehmes Leseerlebnis zu verschaffen – sowohl haptisch wie auch optisch. Damit steht Sebastian Guggolz vielleicht auch beispielhaft für eine neue Generation von Verlegern, die sich zurückbesinnt auf Nachhaltigkeit und Qualität beim Produkt Buch. Der Guggolz Verlag soll hier stellvertretend erwähnt werden für ein Wissen um das schöne Buch, ein Bewusstsein dafür, eine Wertschätzung desselben, einen Einsatz für gewisse Werte und Ideale bei der Buchherstellung und letztlich auch eine Wertschätzung dem Leser gegenüber, dem der Verlag qualitativ hochwertige Produkte bietet.

Dies führt uns zurück zur Stiftung Buchkunst, denn sie stellt ja letztlich nichts anderes dar als eine Art „Vorkämpfer“, der das schöne Buch hochhält und sich für es einsetzt. In ihrer Tätigkeit, der Öffentlichkeit eine Auswahl der schönsten deutschen Bücher zu präsentieren, also aufmerksam zu machen auf vorbildliche Buchgestaltung, ist die Stiftung überaus wertvoll und wichtig und die „Mission“, die sie verfolgt, kann man nur löblich hervorheben. Gäbe es derartige Institutionen nicht, würde möglicherweise ein Stück hochwertiger Buchkultur von einem breiteren Publikum unentdeckt bleiben; auch aufgrund der Tatsache, dass hier nicht die großen Publikumsverlage vorne mitmischen, sondern oftmals kleinere und unabhängige Unternehmen.

Letztlich kann man der deutschen Buchhandels- und Verlagslandschaft nur weiterhin vom schönen Buch überzeugte Institutionen sowie mutige Verlage wünschen, die sich darum bemühen, abseits von konturloser Massenware hochwertige Produkte anbieten zu können und eben auch die entsprechenden Käufer und Liebhaber, die dieses vielfältige und hochwertige Angebot zu schätzen wissen und davon Gebrauch machen.

Zu der von Sebastian Guggolz angesprochenen Renaissance des „schönen“ Buches, trägt die Stiftung Buchkunst ihren Teil bei, indem sie vorbildlich gestaltete Bücher an die Öffentlichkeit bringt und diesen Einsatz der Verlage für das schöne Buch belohnt. Eine endgültige und unanfechtbare Auswahl gibt es dabei nicht. Mit dem Erstellen von „Bestenlisten“ macht man sich immer streitbar. Aus diesem Grund seien diverse ästhetische „Ausrutscher“ hier auch verziehen und es soll festgehalten werden, dass schönste Bücher auch wirklich gut sind. Der Einsatz und das Bemühen der Stiftung Buchkunst sind offensichtlich und die Jury, bestehend aus verschiedenen Experten aus der Buchbranche, bürgt mit Sicherheit für einen hohen Grad an Qualität unter den jährlich prämierten Titeln, was vorliegende Untersuchung auch versucht hat zu zeigen. Im Übrigen wird dies die große Herausforderung bleiben, der sich die Stiftung Buchkunst weiterhin wird widmen müssen: nämlich einen Qualitätsstandard innerhalb des Wettbewerbs „Die schönsten deutschen Bücher“ zu sichern, der die Renaissance des schönen Buches nicht stagnieren lässt, sondern weiter vorantreibt.

Und darauf kann man nur hoffen, denn letztendlich garantieren schöne Bücher eine sinnliche Vielfalt und besitzen zudem eine Qualität, die sich durchsetzen und die Zeiten überdauern sollte.

 

[1] Willberg, Hans Peter: Buchkunst im Wandel. Die Entwicklung der Buchgestaltung in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main: Stiftung Buchkunst 1984, S. 17f.

[2] Der Tagesspiegel. Hummitzsch, Thomas: Junge Berliner Verlage. Der Schatzsucher [09.09.2014]. http://www.tagesspiegel.de/kultur/junge-berliner-verlage-der-schatzsucher/10671354.html [20.12.2015].

[3] Guggolz, Sebastian: Frankfurter Buchmesse. Von der Todessehnsucht des Literaturbetriebs. In: Spex Nr. 365 November/Dezember 2015, S. 93f., hier S. 94.

[4] Guggolz: Frankfurter Buchmesse, S. 94.

[5] Vgl. Guggolz Verlag. Im Guggolz Verlag erschienen. http://www.guggolz-verlag.de/buecher [08.12.2015].

 

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Knausgård revisited?

Der zweite Garten heißt der aktuelle Roman von Andreas Mand, sein mittlerweile dreizehnter. Mand, 1959 in Duisburg geboren, lebt heute mit seiner Frau Miriam und den beiden Söhnen Moritz und Uwe im nordrhein-westfälischen Minden in einem Altbau aus den 30er Jahren. Dieses Haus spielt denn auch eine nicht unbedeutende Rolle im Verlauf des Romans.

Für seine Werke stets von der Kritik mit Lob bedacht, blieb Mand der wirkliche Durchbruch dennoch verwehrt. Aller widrigen Umstände zum Trotz schrieb er aber immer weiter: Buch um Buch arbeitete er sich an seiner »unverwechselbaren privaten Geschichtsschreibung« ab, wie es der Schriftsteller Peter Henning einmal formulierte. Um jene, eben erwähnten, widrigen Umstände geht es nun unter anderem in seinem neuesten Buch.

Mand konzentriert sich dabei auf eine Art Alltagsmitschrift, was dem Buch einen tagebuchartigen Charakter verleiht. In der Herangehensweise ist das einem Karl Ove Knausgård nicht unähnlich – ein Vergleich, den der Verlag selbst bemüht und der sich, was die Werbewirksamkeit des Buches betrifft, als durchaus cleverer Schachzug entpuppen könnte. Zweifelsohne sind gewisse Parallelen zu Knausgårds Werk erkennbar. Doch da, wo sich die Knausgårdsche Prosa nahezu epischen Schilderungen hingibt, bleibt Mand stets ganz bewusst fragmentarisch, reduziert, skizzenhaft. Mands Buch liest sich – wenn man so will – ein wenig wie die Notizbücher des Norwegers. Letztlich verfolgt Mand aber ein ähnliches Konzept wie Knausgård, bringt dies jedoch nicht mit derselben Konsequenz zu Ende.

Worum geht es nun also? Der Erzähler beschreibt sein Leben als quasi arbeitsloser Autor, hauptberuflicher Hausmann, Ehemann und Familienvater. Während seine Frau, die als Lehrerin arbeitet, den sicheren Lebensunterhalt verdient, ist er derjenige, bei dem alle ihre Sorgen abladen; derjenige, der das Familiengefüge im Gleichgewicht hält und sich aufopfert, was die Organisation des Haushalts betrifft. Doch wo bleibt dabei er selbst mit seinen Bedürfnissen? Und vor allem: mit seiner Arbeit?

Schon früh im Roman stellt der Erzähler völlig berechtigt die Frage:

»Waren Miriams nie endende Arbeiten, die mäßigen Schulkarrieren der Jungen tatsächlich immer wichtiger als das, was ich aus der Zeit hätte machen können? Denn offensichtlich habe ich gestern gar nichts geschafft. Habe den Füller aus der Hand gelegt und weiß nicht mal mehr, wohin.«

Eine Schlüsselstelle und in jedem Fall programmatisch für den weiteren Verlauf der Geschichte (wobei hier ja eigentlich gar keine Geschichte im traditionellen Sinne erzählt wird; vielmehr führt Mand die Kategorisierung »Roman« innerhalb dieses Kontextes ad absurdum).

Später geht Mand gar noch drastischer mit seiner Lebenssituation ins Gericht, wenn es bezüglich des Privatlebens eines Schriftstellerkollegen heißt:

»Solche Probleme scheint Familie Modick nie zu haben. Es gibt keine Ehefrau, die ihren Beruf hasst und zur Strafe alle unter Leistungsdruck stellt. Es gibt keinen Autor, der sich bis zur Selbstaufgabe angepasst hat. Der natürlich immer noch kein Händchen für Topfblumen hat und wahrscheinlich sein Lebtag lieber eine Seite über das schmutzige Fenster entwerfen wird, als es einfach mal zu putzen.«

Er hält also ganz dicht drauf, seziert seinen Alltag, seine Familie und sein eigenes Innenleben; lässt den Betrachter teilhaben an allem, was ihn so umtreibt – wobei eine so große Unmittelbarkeit entsteht, dass er in diesen Momenten ganz nah dran ist an der Vorgehensweise eines Karl Ove Knausgård.

Dabei stellt sich Mands Werk dar als ein Mosaik aus verschiedenen Alltagssequenzen. Spannend ist, wie Mand seinen Roman um einzelne Stichworte herum aufbaut. Das wirkt dann beinahe wie ein großes, umfangreiches Glossar, das man an beliebigen Stellen aufschlagen kann, um in einzelnen Einträgen nachzulesen. Chronologisch folgt er dem Jahreslauf, einige wenige Rückblenden geben Aufschluss über sein früheres Leben, vor der Familie.

Auf diese Weise erzählt er uns viel über das Leben an sich – das pure, ungeschönte Leben –, über Nöte, Krisen und Zweifel, über den Familien- und Beziehungsalltag inklusive aller Probleme, die dieser mit sich bringt: Das Haus, das der Erzähler eigentlich gar nicht wollte, mit dem er sich nun aber arrangieren muss; die schier endlose, zermürbende Gartenarbeit; das Lernen mit den beiden Söhnen; Wäschewaschen; Putzen; Kochen; Reparieren und Renovieren… Wo bleibt da noch Zeit zum Schreiben? Zum Leben? Zum Lieben? Ist es verwunderlich, dass sich der Erzähler ein ums andere Mal in alternative Lebensentwürfe hineindenkt und -träumt?

Mand schildert diese Konflikte eindrücklich, mit dem nötigen Humor, den solche Situationen ohne Zweifel erfordern und überdies genauer, als es so mancher Roman tun könnte; und letztlich ist dies die logische Konsequenz: denn es ist ja genau dieses Leben – dieses Leben (dieses Allerweltsleben!), das wir alle leben, welches Mand sich vorgenommen hat, um es abzulichten und mit all seinen Schön-, vor allem aber Unschönheiten zu präsentieren. Möglicherweise ist dies gar die größte Leistung dieser Literatur, die das eigene Leben seziert und dabei keine Details scheut – nämlich dem Leser zu vermitteln: »Du bist nicht allein!«; und so platt das klingen mag: Trost zu spenden.

Klar, das wird nicht jedermanns Sache sein. Man darf diese Literatur gerne langweilig finden. Nur eines darf man nicht: sie unbedeutend finden. Denn da stellt sich einer hin und befördert das eigene Leben auf den OP-Tisch, um rücksichtslos am offenen Herzen herumzuwerkeln.

Der zweite Garten ist vor allem auch der Versuch eines kontinuierlichen Anschreibens gegen den völligen künstlerischen Stillstand. Gerade daraus entsteht die eigentümliche Kraft und Faszination dieser Tagebuchprosa. In dieser Hartnäckigkeit ist das ziemlich einmalig in der deutschen Gegenwartsliteratur. Mutig zudem. Dabei gebührt letztlich auch kleinen Verlagen wie dem Augsburger MaroVerlag Dank für ihre Überzeugung und ihr Bestreben solche Bücher auf den Markt zu bringen.

In einer Welt, in der ein Schriftsteller wie Karl Ove Knausgård mit radikal autobiografischen Werken große Erfolge feiert, sollte man von einem Autoren wie Andreas Mand zumindest einmal gehört haben. Denn aller Knausgård-Vergleiche zum Trotz: Mands Konzept ist durchaus eigenständig und überzeugend. Und besitzt zudem eine ganz eigene Strahlkraft, der man sich nur schwer entziehen kann.

 

Andreas Mand: Der zweite Garten; MaroVerlag, Augsburg 2015; 366 S., 20,00 €

Ich lese, also bin ich

Wie definiert sich ein Leseleben? Dieser Frage widmet sich David Wagner in seiner Essay­sammlung Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien[1] und erörtert sie am Beispiel der eigenen Person. Dabei zeigt sich Wagner als brillanter Essayist, der auf äußerst prägnante und kurzweilige Weise zu erzählen vermag und sich zudem bestens darauf versteht, den Leser mitzunehmen, mit hinein in seine (Wagners) eigenen Leseerlebnisse, und ihn darin festzuhalten.

Diese hier erstmals vorliegende Sammlung von Kolumnen – die meisten sind bereits als Literaturkolumne im Merkur erschienen – gibt Einblick in ein intensives Leseleben. Wagner, der 2013 für seinen Roman Leben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, reflektiert das eigene Leseverhalten und erklärt, wie die unterschiedlichsten Bücher auf ihn und mit ihm wirken. Dabei stellt er Fragen, welche wir uns – die wir uns selbst als leidenschaftliche Leser charakterisieren würden – sicher alle schon einmal gestellt haben und die ein Leseleben beharrlich begleiten oder vielmehr zwingend begleiten müssen: Warum lese ich bestimmte Bücher? Wie kommen diese Bücher zu mir? Wie entscheidet sich, wie entscheide ich, wann ich was lese?

Wagner erzählt beispielsweise, wie er eines Morgens aufwachte und wusste, heute müsse er anfangen, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu lesen. Es sind diese und andere Begebenheiten, die Zeugnis davon ablegen, wie sehr er sich bei der Auswahl seiner Lektüre seit jeher von seinem Instinkt hat leiten lassen. Ebendas macht ihn uns so sympathisch: dass er uns nicht mit erhobenem Zeigefinger gegenübertritt, um uns zu predigen, was wir noch alles zu lesen hätten. Nein, Wagner ermutigt den Leser vielmehr dazu, die eigene Lektüre ebenfalls nach Gefühl auszusuchen und sich dabei auch gerne einmal vom Zufall leiten zu lassen. Dabei schreibt er so wundervoll »untheoretisch«, lässt lediglich die reine Freude an der Lektüre sprechen.

Wir folgen David Wagner also an verschiedene Orte, die er im Laufe der Jahre besucht hat und die immer mit bestimmten Büchern in Verbindung stehen. Einen Höhepunkt bilden hier vielleicht die ausufernden Streifzüge durch London, die er selbst als »halbverrückte Spaziergänge« bezeichnet:

»Ich muss gehen, muss durch die Stadt mäandern, von Mile End über Bethnal Green, Shoreditch, Old Street und Clerkenwell Road bis Bloomsbury Way, quer über den Russell Square und in die Senate House Library – architektonisch ungefähr das Gegenteil der British Library. […] Ich bleibe vor dem Sebald-Regal stehen und greife nach ›Austerlitz‹ […]. Ich blättere ein wenig hinein, elf Jahre ist es her, dass ich ›Austerlitz‹ gelesen habe, und ich finde, ich bin ein Glücksaufschlager, gleich folgende Sätze: ›Mehr als ein Jahr lang … bin ich bei Einbruch der Dunkelheit außer Haus gegangen, immer fort und fort, auf der Mile End und Bow Road über Stratford bis nach Chigwell und Romford hinaus, quer durch Bethnal Green und Canonbury, durch Holloway und Kentish Town bis auf die Heide von Hampstead, südwärts über den Fluss nach Peckham und Dulwich oder nach Westen zu bis Richmond Park. Man kann ja tatsächlich zu Fuß in einer einzigen Nacht fast von einem Ende dieser riesigen Stadt ans andere gelangen.‹ Dem ist nichts hinzuzufügen.«

Dieses Buch sollten Sie also all Ihren literaturbegeisterten Freunden, Bekannten, ja, überhaupt Mitmenschen schenken – man wird es Ihnen danken; denn es offenbart so viel von dem, was es heißt, ein Leser zu sein und präsentiert uns darüber hinaus eine Lese- und Literaturbegeisterung, die ansteckend ist und fiebrig macht.

David Wagner führt uns – obwohl wir es ja bereits wissen! – wieder einmal vor Augen, wie unerschöpflich und mannigfaltig die Welt der Literatur ist; und dass man, wollte man alles lesen, was einem lesenswert erscheint, wahrscheinlich mindestens zwei, wenn nicht gar drei oder mehr Menschenleben bräuchte. Dabei vermag er es, derart einfühlsam und anschaulich über die von ihm gelesenen Bücher zu schreiben, dass man sich am liebsten sofort zu seinem Buchhändler begeben und mit all den Büchern eindecken möchte, die er uns in seinen Essays nahe-, nein, vielmehr direkt ans Herz legt. Somit ist dieser kleine, schmucke Band vor allem auch eines: ein großer Roman-Verführer.

Lesen Sie und seien Sie glücklich!

 

David Wagner: Sich verlieben hilft. Über Bücher und Serien; Verbrecher Verlag, Berlin 2016; 144 S., 19,00 €

 

[1] Auch wenn es im Untertitel Über Bücher und Serien heißt, so steht doch eindeutig die Literatur im Zentrum vorliegender Kolumnensammlung.

Jedem seine eigne Hölle

In Band 3.1 seines großen Romanzyklusʼ Die zahnlose Zeit, dem Roman Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, lässt der niederländische Autor A. F. Th. van der Heijden im Eröffnungskapitel Die Sumpfmöse einen seiner Protagonisten Holland als »Europas Fotze« bezeichnen. Diese Radikalität, welche aus einer scheinbar banalen Obszönität heraus entsteht, finden wir auch bei dem Niederländer Menno Wigman, dessen Gedichte in einer kleinen Auswahl nun erstmals gebündelt in dem Band Im Sommer stinken alle Städte in deutscher Übersetzung erscheinen. Der kleine Lyrikverlag Parasitenpresse aus Köln macht sich dessen verdient und präsentiert uns hier 33 Gedichte, die sich mit Themen wie dem Leben in der Großstadt, den Auswirkungen des Kapitalismus auf das moderne Individuum, der Frage nach der Existenz, Tod und Sex auseinandersetzen.

Bei Wigman, der als einer der herausragenden Dichter seiner Generation gilt, pissen Männer »Schaumringe in die Gracht«, die ohnehin »verschmutzt« ist; das Abwasser ist zudem »voll Koks«. Auch tauchen Zimmer in diesen Gedichten auf, die »geil und rau« keuchen, während in der Ode An meinen Schwanz ebenjener bereits seit Tagen »müd« in der Hose des lyrischen Ich pennt, welches ihn »wütend […] von [s]einem Samen« erlöst.

Auf der anderen Seite hingegen »verreckt« die eigene Mutter im Altenheim, wo sie nun – tagein, tagaus – »schwankt, stottert« und »stockt«. Der Vater aber hängt »an fünf Schläu­chen« und stirbt »so wie er seinen Opel fuhr: beherrscht, korrekt«. Das gnadenlose, un­barmherzige und dreckige Leben wird dem Leser hier vor Augen geführt; und es ist eine überaus raue, dunkle und kompromisslose Sprache, derer sich Wigman dabei bedient, ohne sich je in Klischees zu verlieren. Auch finden sich keine erzwungenen Wortspiele oder verkrampften Metaphern. In diesen Gedichten glänzen die Städte »schwarz wie Kaviar«. Mit sprachlichem Reichtum, einer Fülle an eindrücklichen Bildern und existentieller Kraft projiziert Wigman seine Gedanken und Gefühle auf die stockfleckige Leinwand des Daseins. In dem Gedicht Gartenzentrum Osdorp heißt es gleich in der ersten Zeile: »Ich weiß: Jedem seine eigne Hölle.« So muss schließlich auch folgerichtig das Credo dieses Gedichtzyklusʼ lauten.

Einmal schlägt Wigman gar versöhnliche Töne an: »[S]chöne Dinge, lauter schöne Dinge, / so wie Züge, in denen ich küsste, / das sanfte Wogen eines Bierlokals, / ein Mädchenzimmer, das nach Adel duftet, / das Wunder, dass kein Tag sich jemals wiederholt«, heißt es in dem Gedicht Unendlich wach. Doch die Idylle trügt (wie so oft!): Denn am Ende wird sich das lyrische Ich mit dem »dummen Schwarz« versöhnen.

»O Königreich der Niederlande! Dampfender Morast! Sumpfige Möse! Schlammiges Loch, blubbernd von üblen Gasen…! Stinkend wie eine Fischbude im Sommer um fünf Uhr nachmittags…!«, heißt es bei A. F. Th. van der Heijden. Schriebe er Gedichte – wahrscheinlich klängen sie wie die von Menno Wigman.

Im Sommer stinken alle Städte ist ein Gedichtband von beeindruckender Größe. Hier gilt es eine wichtige Stimme der niederländischen Gegenwartsliteratur zu entdecken. Wigmans eindringliche, kraftvolle und sinnliche Lyrik rechtfertigt dies mehrfach.

 

Menno Wigman: Im Sommer stinken alle Städte. Gedichte; aus dem Niederländischen von Gregor Seferens; Parasitenpresse, Köln 2016; 40 S., 9 €